The Avenue - Ein Reisebericht auf 88 Tasten
London was calling: 2007 macht sich der Oldenburger Jazz-Pianist Jann Poppen auf, um ein Auslandssemester in der britischen Hauptstadt zu verbringen. Auf seinem neuen Soloalbum lässt er seine Hörer an dieser Reise teilhaben.
Im ersten Song geht es mit der U-Bahn heraus aus der Hektik der Metropole, hinein in den Vorort Berrylands, in die Straße The Avenue, wo der Pianist während seines Auslandsaufenthalts eine Heimat auf Zeit fand. Und tatsächlich klingt dieses Stück so schön atmosphärisch-entspannt wie das Nachhausekommen nach einem langen Tag.
Nach einem Track mit gelungener deutsch-englischer Alliteration im Titel -Möbelhaus Madness - folgt an dritter Stelle das einzige Cover dieser CD. Time after Time von Cindy Lauper und Rob Hyman ist in der kontemporären Popmusik bereits weit gereist. Von der kitschigen Pop-Nummer über die ruhige Unplugged-Gitarrenversion bis hin zum Uptempo Dance-Abklatsch hat dieser Song wohl schon alles mitgemacht. Umso überraschender ist es, wie sehr diese Klavieradaption dem Titel neue Frische und Authentizität verleiht. „Suitcase of Memories…“
Es gibt nichts Besseres für Kreativität und Inspiration, als Zeit, in der man sich treiben lassen kann – so eine weitläufige Meinung. No time to wander, ein Stück, dessen grundsätzliche Ruhe immer wieder durch schnellere Passagen gebrochen wird, erweckt hingegen den Eindruck, dass der Komponist auch aus der Rastlosigkeit des Alltags heraus einen beeindruckenden Song kreieren kann.
Ein weiterer Titel des Albums ist Calling Home, welcher sich auf musikalischem Wege mit einem wichtigen Thema für jeden Reisenden beschäftigt: dem Kontakt nach Hause. Und er erzeugt die Assoziation, dass es dabei eben nicht um den obligatorisch-lästigen Pflichtanruf geht, sondern vielmehr um die ebenso schöne wie wichtige Message: „Hi, wie geht´s dir? Ich denk´ an dich.“
Weiter geht es mit Pay the Man – möglicherweise ein Appell, den Jazz-Pianisten angemessen zu bezahlen? Zumindest geht es in dem Stück so zur Sache, dass diese Forderung absolut berechtigt erschiene. Wem das an pianistischer Energie noch nicht reicht, der höre The Hunt als virtuose Argumentationsstütze.
Zwischen diesen beiden an rasanten Läufen reichhaltigen Stücken schaltet die CD aber noch einmal in Tempo und Lautstärke zurück. Das Albumblatt ist mit einer knappen Minute auch der kürzeste Song. Er erinnert an den nahezu in Vergessenheit geratenen Brauch, kleine aber liebevolle Kompositionen in Poesiealben festzuhalten. Gemäß der Tradition erhält so auch dieses Stück seinen Reiz durch die Schlichtheit der wenigen „dahingetupften“ Töne.
Da ist man dann schon beim letzten Track der CD angelangt. Am Ende einer Reise bleibt natürlich noch übrig, ein Souvenir mit nach Hause zu bringen. Jann Poppen tut das in Form des Stückes Paper Sheets, welches er in London auf einem mit Papierseiten präparierten Flügel eingespielt hat.
The Avenue bestätigt es einmal mehr: „Man reist ja nicht, um anzukommen.“ - Sondern manchmal auch, um das Erlebte in einen wunderbaren musikalischen Reisebericht zu verwandeln.

Autorin: Lena Lugert, Oldenburg 2011

 
 

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